Access & Austausch


Ich glaube an Vielfalt als Quelle von Kraft –
sowohl von Sicherheit und Stabilität als auch von Veränderung und Erneuerung.


Unsere Gesellschaft ist jedoch in fast allen Bereichen nicht auf Diversität ausgelegt. Gebäude und Kommunikationswege, die die meisten ganz selbstverständlich nutzen, schließen manche Menschen aus. Um Einzigartigkeit und Vielfalt fruchtbar zu machen, müssen wir Räume öffnen, Zugänge schaffen, Kommunikation kritisch hinterfragen und Barrieren abbauen. Als Kulturschaffende sehe ich mich hier in der Verantwortung.

Vielfalt und Gleichwertigkeit zu leben ist Arbeit, die sich lohnt – FÜR ALLE.

A wie Access

Wahrnehmung befragen – Zugänge schaffen


Der blinde Theaterbesucher Torsten W. und die Künstlerin Claire Lefèvre ertasten gemeinsam eine große hängende Stoffbahn. Der Stoff ist gestaltet von Sophie Utikal und zeigt den Oberkörper einer Frau in einem rosa und schwarz getiegerten Top. Ein Finger an diesem Frauenkörper ist in etwa so groß wie Torstens ganzer Arm. Die Details des Bildes sind aus Stoffen in unterschiedlichen Farben ausgeschnitten und auf die Stoffbahn aufgenäht, sodass sich die Konturen ertasten lassen.

Im Rahmen des Projektes A wie Access untersuchen fünf verschiedene Produktionsteams der freien darstellenden Künste in Hamburg ihre künstlerische und ästhetische Praxis auf unbeabsichtigte Ausschlüsse insbesondere von Publikum mit Sinnes-Einschränkungen.

Theater ist ein Medium der physischen Präsenz. Es kommuniziert über alle Sinne. Dennoch bieten die meisten Produktionen der darstellenden Künste einem Publikum mit Seh- oder Höreinschränkungen keine ausreichenden Zugänge zu den Welten und Assoziationsräumen der Stücke.

Im Austausch mit Probepublikum mit Sinnes-Einschränkungen hinterfragen die fünf Produktionsteams die eigenen Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten in Bezug auf ihre Arbeit und suchen nach Möglichkeiten die künstlerischen Mittel – Bühne, Kostüm, Bewegung, Sprache, Spiel, Regie, Rhythmus, Sound, Musik, Projektionen, … – voll auszuschöpfen, um langfristig auf allen Sinnes-Kanälen Zugänge zu den Erfahrungswelten der jeweiligen Produktion bieten zu können.

Das Ziel des Projektes sind also noch nicht fünf barrierefreie Produktionen. Alle beteiligten Künstler:innen wissen um den eigenen Mangel an Erfahrungen mit einem oder mehreren eingeschränkten Sinnen. Sie suchen keine schnellen Lösungen sondern den Austausch mit ihrem Publikum und dadurch Lernmomente und Erkenntnisse, die die eigene Arbeit nachhaltig und langfristig verändern können.
Die Ergebnisse des gemeinsamen Forschens werden im Laufe des Projektes unter www.a-wie-access.de veröffentlicht mit dem Ziel, weitere Künstler:innen dazu anzuregen, die eigenen Gewissheiten über ihr Publikum und dessen Wahrnehmung zu hinterfragen und die eigenen Themenwelten mit einem inklusiven Publikum zu teilen.

A wie Access wird gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

beteiligte Künstler:innen und Produktionen:

Full Melt Down von Claire Levèvre, Premiere: März 2021, K3, Zentrum für Choreographie

Tax for free von Helge Schmidt, Premiere: Juni 2021, Lichthof Theater, Hamburg

Das lebende Museum von Die AZUBIS, Premiere: September 2021, Planten un Blomen, Hamburg

Friendsimulator von Julia Hart, Premiere: September 2021, Hamburger Sprechwerk

Snitmønster von Teresa Hofmann, Premiere: Januar 2022, Das Feld, Berlin

Künstlerische Leitung: Dorothee de Place, Beratung: Susanne Tod, Produktion und Dokumentation: Ben Nurgenç, Graphik und Website: Björn Schmidt

meine Erfahrungen


Oft entstehen Missverständnisse aus der Erwartung heraus, dass das gegenseitige Verständnis grundlegend gegeben sei. Man nimmt an, dass das Gegenüber ähnlich wahrnimmt und denkt. Die eigene Wahrnehmung wird so zum Maßstab gemacht. Stellt sich diese Annahme rückblickend als falsch heraus, weil Andere auf Basis ihrer Erfahrungswelt etwas anders ausdrücken oder verstehen, ist man überrascht und stellt sich die Frage nach dem Schuldigen: „War es mein Fehler oder der meines Gegenüber?“

Beide richtig – nur eben anders.

Wo die Diversität einer Gruppe bewusst wahrgenommen wird, wo man sich mit Andersartigkeit konfrontiert, ist allen klar, dass Verständigung nicht Realität sondern Aufgabe ist, dass man einen Weg zurücklegen muss, um einander zu begegnen. Die Aufmerksamkeit in der Kommunikation steigt. Auch die Zeit, die man sich für Kommunikation nimmt, steigt. Missverständnisse und Irritationen kommen daher viel seltener vor. Dadurch steigt auch die Sicherheit und das Vertrauen in der Gruppe. Ebenso steigt die Möglichkeit, etwas zu lernen und zu entdecken, enorm.

DanceAbility
DanceAbility Konferenz in Trier, 2015

Augenhöhe ist da möglich, wo alle bereit sind, sich als Lernende zu begreifen. Ich selbst finde das sehr befreiend. Zu wissen, dass ich (noch) nicht alles (allein) können und schaffen muss, weil das menschlich ist, es also letztlich Allen so geht, hilft mir sehr, geduldig mit mir selbst zu sein. Auch wenn ich merke, dass ich manchen Menschen gegenüber Hemmungen habe, zuzugeben, dass ich etwas nicht (allein) kann. Ich habe jedoch erlebt, dass eine Gruppe, in der man offen über eigene Grenzen sprechen kann, sehr gut und effektiv arbeitet. Denn für ein Problem, das offen auf dem Tisch liegt, findet sich in der Regel sehr schnell innerhalb der Gruppe eine Lösung. Probleme, die man vergräbt, weil man sich schämt sie anzusprechen, können im Verborgenen wachsen und zeigen sich dann oft im ungünstigsten Moment.

Ich stelle fest, dass Verantwortung zu tragen mir nicht nur Freude macht, und ich darin Bestätigung finde, sondern dass es auch immer wieder neue Kräfte in mir mobilisiert. Diese Erfahrung wünsche ich möglichst vielen Menschen. Daher arbeite ich stets mit dem Ziel, Verantwortung zu teilen, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und zu vertreten, Konsequenzen gemeinsam zu bedenken, zu feiern oder auch auszuhalten.

Netzwerke & Kooperationen


Ich arbeite mit Künstler*innen, Gruppen und in Netzwerken, die auf Kooperation setzen – Diversität zulassen, fördern und genießen – Anderen und der Welt forschend, mutig und zugleich mit Demut, und im Bewußtsein der Begrenztheit der eigenen Kraft und Erfahrung begegnen.